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„Love Through a Prism“ – ein Anime über die Liebe zur Kunst

„Love Through a Prism“ – ein Anime über die Liebe zur Kunst

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London um 1910: Auf der sonnigen Wiese vor dem ehrwürdigen Gebäude der St. Thomas School of Fine Arts stehen Kunststudierende an ihren Staffeleien, schauen in den Himmel und malen. Nur der talentierte Kit Church, mit seinen wuscheligen blonden Haaren und schmutzigen Schuhen, sitzt im Gras und betrachtet den Boden. „Wo guckt er hin und was malt er denn da nur?“, fragt sich die japanische Gaststudentin Lili Ichijoin. Denn sie alle haben heute die Aufgabe bekommen, den Ausdruck des Himmels zu malen. Doch da bemerkt die junge Studentin ein ganz anderes Problem: sie kann ihre blaue Ölfarbe nicht finden.

Als diese kurze Szene auf meiner Netflix-Startseite aufblitzte, wurde ich sofort neugierig. Ein Anime über Kunststudierende? Klingt verführerisch. Aber vielleicht geht es dir auch ein bisschen wie mir und du denkst „Anime? Puh, also eigentlich bin ich kein sonderlicher Fan von Mangas und Animes…“ Aber lass mich dir in diesem Beitrag erzählen, warum sich diese Serie lohnt, denn wenn du Kunst liebst, wirst du sie lieben!

Auch wenn ich bisher nur wenige Mangas gelesen und Animes gesehen habe – beides habe ich als wichtiges Genre der Literatur und des Trickfilms schätzen gelernt. Vor allem, wenn Kunst eine Rolle spielt und das tut sie in diesem Anime auf ganz besondere Weise.

Was dich in diesem Beitrag erwartet:

  1. Die Handlung: Worum geht es in diesem Anime?
  2. Was mich besonders fasziniert hat
  3. Eine Frage der Bildung: Was ist eigentlich Talent?
  4. Die besten Kunstzitate aus der Serie

Hinweis: Der gesamte Beitrag ist frei von Spoilern. Aber beginnen wir mit der Rahmengeschichte.

1. Die Handlung: Worum geht es in diesem Anime? (ohne Spoiler)

Lili Ichijoin, 20, reist alleine von Japan nach London, um an der St. Thomas School of Fine Arts (eine fiktive renommierte Kunstschule) Ölmalerei zu studieren. Lili hat eine frische, selbstbewusste und sehr fleißige Persönlichkeit und durch ihre künstlerischen Fertigkeiten schafft sie es auf Anhieb bei ihrer ersten Malaufgabe auf Platz 2 in ihrer Klasse.

Ihr Ansporn: Sie muss innerhalb von sechs Monaten die beste ihres Jahrgangs werden, da ihre strenge Mutter sie sonst wieder zurück nach Japan ins Familiengeschäft holt. Der erste Platz fällt unter den Studierenden bisher jedoch immer an diesen unaufgeregten, seltsamen Kit Church. Lili macht es sich also zur Aufgabe herauszufinden, warum dieser Student so gut malen kann. Und während sich die beiden kennenlernen und voneinander lernen, entwickelt sich natürlich auch eine romantische Liebesgeschichte, die so einige holprige Hürden und tieftraurige Täler zu bewältigen hat.

Love Through a Prism
Netflix, 20 Folgen, 2026

Genre: Coming-of-Age, Romance, Historischer Anime

Autorin: Yōko Kamio

Regie: Kazuto Nakazawa, Tetsuya Takahashi, Saki Fujii
Drehbuch: Yoko Kamio, Saki Fujii
Figurendesign/Animationsleitung: Yasuko Takahashi
Design Nebenfiguren/Animationsleitung: Aiko Minowa
Farbdesign: Hanami Tanaka
Background Supervisor: Yusuke Takeda (Bamboo)
Compositing-Regie: Keisuke Nozawa
Schnitt: Chika Ishii
Musik: Naoki „naotyu-“ Chiba
Klangregie: Tohru Kanegae
Soundeffekte: Hiromune Kurahashi
Animationsproduktion: Keita Yoshinobu
Produktion: WIT Studio

2. Was mich besonders fasziniert hat

In jeder Folge gibt es einen künstlerischen Moment, der tiefgründig, lehrreich und zugleich leichtfüßig in die Geschichte eingeflochten wird: eine Skizze, eine Malaufgabe, eine Skulptur, eine Ausstellung, u.v.a.m. Dabei wird Fragen des künstlerischen Lernens, des eigenen Ausdrucks und der persönlichen Bedeutsamkeit nachgegangen. Die Nähe zur Kunst liebe ich wirklich sehr an dieser Serie (und insgeheim wäre ich selbst gerne Teil dieser Geschichte, um im London der 1900er Jahre Kunst zu studieren und Kimonos zu tragen).

Ein weiterer Aspekt, der mich fasziniert hat: Die Darstellung der kulturellen Unterschiede zwischen dem westlich geprägten London und dem fernöstlichen Japan. Diese ziehen sich wie ein roter Faden durch die Serie und zeigen sich im sozialen Miteinander der Studierenden, in der Wahrnehmung der Architektur, der Landschaft und Tierwelt, der Kleidung, Sprache und Esskultur. Da dieser Anime in London spielt, ist er in seinen Darstellungen sehr westlich geprägt – aber befindet sich durch die japanischen Protagonistin Lili Itchijoin (bzw. der japanischen Autorin und Produzent:innen) immer in einem Wechselspiel der kulturellen Perspektiven. Ich lerne beim Sehen der Serie viel über die japanische Kultur, während Japaner:innen einiges über die englische Kultur erfahren. Spannend!

Dass dieser Perspektivwechsel so gut gelingt, ist kein Zufall, sondern eine hervorragende Teamleistung der unzähligen Kreativen, die bei der Produktion dieses Animes beteiligt waren. Ihnen gelingt es typisch japanische Manga- und Anime-Elemente dezent mit einem historischen London zu kombinieren. Ein bisschen fühlt es sich an, als hätte man Bridgerton, die London National Gallery UND die japanische Animeszene in den Mixer geworfen und ordentlich durchpüriert. Das mag erstmal schräg klingen, aber genau in dieser Kombination liegt für mich ein großer Reiz der Serie. Und wer hätte gedacht, dass der Smoothie, der am Ende rauskommt, so sanft und umwerfend köstlich schmecken würde?! Ein Genuss!

Dem Animeteam gelingt es auf ganz besondere Weise Gefühle durch Bilder und Farben, Texte und Töne, Schnitte und Szenen für die Zuschauenden spürbar zu machen. Es geht in dieser Serie also nicht nur auf inhaltlicher Ebene um Kunst und Liebe und die Liebe zur Kunst – betrachtet man diesen Anime als Ganzes, ist er selbst nichts weniger als ein Gesamtkunstwerk über die Liebe zur Kunst, egal wie man ihn dreht und wendet.

Eine Animeserie, die mich sofort zum Malen motiviert hat – hätte ich natürlich auch sofort gemacht – wäre sie nicht so gut, dass ich sie direkt ein zweites Mal sehen wollen würde…

Aber das war noch längst nicht alles, was der Anime zu bieten hat. Er hat mich auch angeregt, über unsere schulische Bildung nachzudenken, womit wir zum nächsten Kapitel kommen.

3. Eine Frage der Bildung: Was ist eigentlich Talent?

In Folge 10 gibt es eine Schlüsselszene, in der die Studierenden im Pub sitzen und genau über diese Fragen in einen großen Streit geraten. Dabei eröffnen sich zwei kontroverse Sichtweisen: Talent ist angeboren vs. Talent entsteht durch angeeignete Kenntnisse. Dabei verschwimmen die Grenzen der künstlerischen Fähigkeiten mit der Ständesituation der Familien, also u.a. den finanziellen Mitteln und dem sozialen Ansehen der Studierenden (im weitesten Sinne ihrem Habitus). Und das ist ein richtig wichtiger und interessanter Aspekt. Was im Anime als historische Klassendynamik sichtbar wird, lässt sich auch heute noch auf unsere Gesellschaft und unser Bildungssystem übertragen. Und genau hier berührt die Serie unseren aktuellen Alltag.

Denn im Alltag nutzen wir Wörter wie „Talent“ oder „talentiert sein“ oft sehr unüberlegt in der deutschen Sprache, insbesondere wenn es um die Anerkennung künstlerischer oder musischer Leistung geht. Häufig möchten wir damit Wertschätzung ausdrücken, dafür, dass eine Person in einer Sache besonders gut ist. Dabei wird jedoch nicht berücksichtigt, wie viel Zeit des intensiven Lernens, wie viel Mühen und bittere Anstrengungen, diese Person höchstwahrscheinlich investiert hat, um diese besondere Leistung zu zeigen. Denn der Begriff „Talent“ suggeriert eine angeborene Begabung, die für Menschen ohne diese angeborene Begabung unerreichbar erscheint.

Der Duden beschreibt „das Talent“ wie folgte:

„Begabung, die jemanden zu ungewöhnlichen bzw. überdurchschnittlichen Leistungen auf einem bestimmten, besonders auf künstlerischem Gebiet befähigt“

Synonyme: AnlageBefähigungBegabungBerufung

Doch ist überhaupt etwas dran am angeborenen Talent? Die Forschung ist sich nicht einig.1

Vielleicht kennt ihr Louis Philippson, den jungen Klavierspieler? Er wird in medialen Berichterstattungen oft als „talentiertes Wunderkind“ bezeichnet. Er selbst erklärt es bodenständiger, indem er im Interview erzählt, dass er 8 Stunden täglich übt – und zwar seitdem er 4 Jahre als ist.2

Und nun stell dir vor, du hättest seit deiner frühen Kindheit 8 Stunden lang täglich gezeichnet. Ja, das Üben von Kenntnissen und Fertigkeiten macht einen entscheidenden Unterschied bei der Betrachtung künstlerischer Leistung. Aber nun stell dir mal vor, Louis Philippson wäre in seiner Kindheit nie einem Klavier begegnet.

Natürlich ist auch die intrinsische Motivation und die Begeisterung für eine Sache ausschlaggebend – diese mag tatsächlich ein bisschen angeboren sein. Aber vor allem tragen die Familien und die Schulen die Verantwortung, Kinder so früh wie möglich in ihren individuellen Interessen zu fördern oder sie für neue Dinge zu begeistern.

Dabei haben Kinder, die in eine bildungsnahe und wohlhabende Familie hineingeboren werden, einen klaren Vorteil gegenüber Kindern, die in ärmeren und bildungsfernen Haushalten aufwachsen. Die Kita und Schule sollte eigentlich ausgleichend wirken, aber unser mehrgliedriges Schulsystem fördert die Aufrechterhaltung der bestehenden Privilegien. Umso wichtiger ist es, dass Schulen, insbesondere in Stadtteilen mit armen, bildungsfernen Elternhäusern, ein möglichst breites Angebot der Interessensförderung ermöglichen, damit Kinder ihr „Talent“ überhaupt erst entdecken und entwickeln können.

Kinder brauchen dazu Freiraum, um ihren individuellen Interessen nachgehen zu können, d.h. Zeit und vielfältige Angebote, aus denen sie wählen können sowie Expert:innen, die sich damit auskennen, sie begleiten und von denen sie lernen können. Dies ist ein weiteres Argument dafür, mehr Menschen unterschiedlichster Berufe und Erfahrungen in die Schulen zu holen. Denn Lehrkräfte allein können diesen Anforderungen gar nicht gerecht werden.

4. Die besten Kunstzitate aus der Serie

Yōko Kamio hat ihr Interesse längst gefunden. Ihre Leidenschaft für Kunst und Poesie spiegelt sich auch in den Dialogen der Charaktere wider, deshalb möchte ich den Beitrag mit meinen Lieblingszitaten abschließen:

„Das Talent ist letzten Endes unwichtig. Es kommt viel mehr darauf an, ob die Arbeit, die Sie hier erschaffen, auch tatsächlich die Welt bewegen kann!“ (Folge 1, 11:25)

„Nur fehlerlos zu sein, reicht in der Kunstwelt leider nicht aus. Überlegen Sie sich, warum Shakespeare bei den Massen so beliebt war, und versuchen Sie, den Grund auf ihre Kunst zu übertragen.“ (Folge 2, 19:50)

„Seine Pupillen sind wie ein Prisma. […] So wie ein Prisma das Licht bricht, um den Blickwinkel zu verändern, sehen die Augen von Kit einen Regenbogen von Farben, die wir so nicht sehen können.“ (Folge 2, 18:38)

„Ich möchte einfach die schönen Momente in meinem Leben nicht vergessen, das wäre sehr schade. Wenn ich sie zeichne, werde ich mich an sie erinnern. Das ist der einzige Grund, wieso ich male.“ (Folge 3, 15:20)

„Es ist alles so wunderschön, dass ich gar nicht weiß, was ich überhaupt malen soll. “ (Folge 6, 7:45)

„Als Kind habe ich einmal das Original [von Michelangelos Pieta] sehen dürfen. In diesem Augenblick ist die Zeit stehen geblieben. Ich habe noch nie eine solche Stille erlebt. Das einzige, was ich gehört habe, war mein Herzschlag. Genau bei diesem Werk aus kaltem Stein habe ich zum ersten Mal gemerkt, was Leben wirklich bedeutet. Damals hab ich mir gedacht: Die Erinnerung der Menschen verlieren mit der Zeit ihre Konturen und werden unklar. Aber, wenn man den Moment in einer Form festhalten könnte, würden die Erinnerungen daran nicht mehr verblassen.“ (Folge 7, 12:16)

„Das einzige, was wir haben, ist eine lange Geschichte. Es ist klar geregelt, wie und was genau geschnitzt wird. Man wird danach bewertet, ob man die Werke präzise rekonstruieren konnte. Dabei spielt die künstlerische Freiheit überhaupt keine Rolle. Manchmal weiß ich gar nicht mehr, warum ich überhaupt noch schnitze. Vielleicht habe ich das Meer überquert, um eine Antwort darauf zu finden.“ (Folge 7, 11:00)

„Solche Gemälde sind Zeugnisse der gelebten Zeit. Sie sind das Leben des Malers. Sie danach wegzuwerfen, ist so, als ob du den umbringst, der sie gemalt hat.“ (Folge 8, 23:40)

„Ich habe meine eigenen Zeichnungen nie für gut gehalten. Deshalb zeichne ich immer wie verrückt.“ (Folge 9, 21:46)

„Opfere nicht das, was dir Freude bereitet, nur um damit dann die Anerkennung anderer zu gewinnen.“ (Folge 10, 7:24)

„Folge dem Weg, an den du glaubst. Auch wenn du einen Umweg nehmen musst, folge ihm. Deine Gemälde sind dazu bestimmt, die Herzen der Menschen auf der ganzen Welt zu erreichen und sie zu berühren.“ (Folge 14, 20:00)

„Man darf sich nicht wegen Konventionen einschränken, sondern muss sich selbst treu bleiben und so malen, wie man will.“ (Folge 15, 18:12)

„Seine Bilder fragen dich, ob du dein Leben aus vollem Herzen lebst, ohne deine eigene Seele zu belügen.“ (Folge 19, 24:00)

„Eines hab ich endlich begriffen. Für mich bedeutet zu malen gleichzeitig zu leben. Und das ist das Gleiche wie zu lieben.“ (Folge 20, 18:00)


Schön, oder? Und dann denke ich wieder an diese Szene auf der Wiese zurück: an die Studierenden, die in den Himmel blicken, während Kit den Boden betrachtet und den Himmel ganz ohne Blautöne zum Ausdruck bringt.

Vielleicht brauchen wir genau das auch mehr in Schulen: Freiräume, um eigenen Interessen nachzugehen, Zeit, um eigene Lösungen zu finden, Gemeinschaft, um voneinander zu lernen und Mut, um inmitten dieser wilden Welt trotzdem wir selbst zu bleiben.


Literatur:

  1. https://www.quarks.de/podcast/quarks-daily-spezial-folge-69-talent-oder-uebung-was-macht-uns-richtig-gut/ ↩︎
  2. https://www.ndr.de/kultur/sendungen/ndr_kultur_a_la_carte/klassik-influencer-louis-philippson-begeistert-sein-publikum,sendung-21656.html ↩︎

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