Über Kunst und Unterricht und das Leben dazwischen.

Gründe (für) deinen eigenen Buchclub!

Gründe (für) deinen eigenen Buchclub!

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Ende letzten Jahres hatte ich eine Idee: Über Instagram stieß ich immer wieder auf Beiträge über die Alemannenschule in Wutöschingen und den ehemaligen Schulleiter Stefan Ruppaner. Seine Schule gewann 2019 den Deutschen Schulpreis. Die Bilder und Berichte begeisterten mich sofort, nicht nur wegen der ästhetischen und außergewöhnlichen Innenarchitektur, sondern auch wegen des besonderen Schulkonzepts und des Postulierens der „Abschaffung des Unterrichts“.

So weckte auch das Buch „Das könnte Schule machen“, das Stefan Ruppaner zusammen mit der Journalistin Anke Willers verfasste, mein Interesse. Ich holte es mir kurzerhand aus der Bibliothek, fing an zu lesen und – fühlte mich allein.

Dabei wollte ich doch am liebsten über jede Seite reden!

Mich über Erfahrungen mit anderen Interessierten austauschen!

Und gemeinsam überlegen, wie wir ähnliche Veränderungen anstoßen könnten!

Meine Gedanken verhallten in der Leere. Es fehlte mir beim Lesen einfach jegliche Resonanz. Und genau das wollte ich ändern, deshalb machte ich recht spontan in meiner Instagram-Story einen Aufruf für einen Online-Buchclub: Jeden Sonntag um 20 Uhr für 30-60 Minuten. Zack-bum, los ging’s!

Was dich in diesem Beitrag erwartet:

  1. Mutig erste Hürden nehmen
  2. 6 Gründe für einen Buchclub
  3. Und nun bist du dran!
  4. Ideen aus der Welt der Buchclubs

1. Mutig erste Hürden nehmen

Ein Buchclub. Vielleicht klingt das für einige jetzt etwas antiquiert. Kannte ich doch selbst bisher vor allem pensionierte Kolleg:innen, die sich regelmäßig einem Buchclub widmen. Ja, die Zeit, die man sich für einen Buchclub nehmen muss, sollte sich später tatsächlich als eine kleine Hürde herausstellen. Aber wo ein Wille ist, ist auch immer ein Weg, deshalb wollte ich mich nicht von meiner Idee abbringen lassen.

Da ich selbst noch nie Mitglied eines Buchclubs war, war ich bei meinem Story-Aufruf schon ein bisschen aufgeregt: Würde die Idee auf Interesse stoßen? Würde ich den Buchclub gut moderieren? Würden sich alle wohl fühlen? Würde das Buch genug für regelmäßige Treffen hergeben? Und würde ich es tatsächlich schaffen, den Buchclub bis zum Ende durchzuziehen?

Zusammengefasst: Mein Story-Aufruf für den Buchclub wurde 2000 Followern ausgespielt. Daraufhin erreichten mich Anfragen von 10 interessierten Menschen. Beim ersten Buchclub waren wir 6 Personen. 3 von ihnen schafften es regelmäßig bis zum Abschlusstreffen.

Die Zahlen machen deutlich, dass mein Buchclub gar nicht so beliebt war, wie ich es vor meinem Story-Aufruf angenommen hatte. Ich hätte also ruhig ein bisschen mutiger die Werbetrommel rühren können. Aber wie sagt man so schön: Die, die da waren, waren genau die Richtigen.

Rückblickend war der wöchentliche Buchclub für mich eine der bestinvestierten Stunden der Woche – ganz gleich, ob wir uns zu zweit oder zu sechst vor dem Bildschirm zusammenfanden. Deshalb erkläre ich dir nun, warum auch du unbedingt deinen eigenen Buchclub gründen solltest!

2. 6 Gründe für einen Buchclub

1 – Resonanz und Austausch

Ein Buchclub schafft einen Raum, in dem Gedanken nicht einfach ins Leere laufen, sondern gemeinsam gespiegelt, diskutiert und weitergedacht werden. Der Austausch mit Gleichgesinnten, über persönliche Erfahrungen und Problemlösungen, tut einfach gut, ob nun in der realen Welt oder im digitalen Raum. Auch wenn sich das soziale Miteinander in einer Videokonferenz anders anfühlt, hat der digitale Raum doch seine Vorteile, was Vereinbarkeit mit der Familie sowie die Entfernung zu anderen Interessierten betrifft.

2 – Nachhaltiger Transfer

Viel zu selten nehmen wir uns im Alltag Zeit für tiefgehenden inhaltlichen Austausch. Zu viele Themen, Nachrichten und Reize prasseln in unserem Alltag auf uns ein, sodass wir gar nicht anders können, als uns nur kurz und oberflächlich mit ihnen auseinanderzusetzen. Im Buchclub bleibt ein Thema länger präsent. Durch Gespräche, Perspektivwechsel und gemeinsames Reflektieren verankern sich neue Gedanken und Haltungen nachhaltiger und geraten nicht so schnell in Vergessenheit. Mir half der Buchclub über mehrere Wochen hinweg, mein Seminar komplett umzustrukturieren und neu zu denken. Ohne den regelmäßigen Austausch wäre mir dieser nachhaltige Transfer in meinen Beruf möglicherweise nicht oder erst viel später gelungen.

3 – Durchhaltevermögen

Ein Buch nicht nur anzufangen, sondern wirklich zu Ende lesen, gelingt gemeinsam oft besser. Ein fester Termin mit der Gruppe sorgt für eine gewisse Verbindlichkeit, die im Alltag oft schnell verloren geht. Ja, es kostet etwas Zeit und manchmal muss man seinen inneren Schweinehund überwinden. Aber am Ende lohnt es sich.

4 – Balance in der Kultur der Digitalität

Unsere Welt ist zunehmend geprägt von digitalen Tätigkeiten, die gleichzeitig mit einer enormen Beschleunigung verbunden sind: morgens Mails schreiben, zwischendurch WhatsApp-Nachrichten lesen, abends Unterricht am Computer planen und zum Abschalten Reels auf Social Media konsumieren… Mittendrin tausende KI-generierte Inhalte, die sich nicht echt anfühlen. In dieser Welt der digitalen Kultur bietet ein Buchclub einen bewussten sozialen und entschleunigten Gegenpol und ich bin gespannt, welche Ideen wir Menschen noch entwickeln, die unser Bedürfnis nach echtem Dialog und Verbundenheit stillen.

5 – Lebenslange Leseförderung

Ein Buchclub kann die eigene Haltung zum Lesen stärken und die Lesekompetenz fördern. Menschen lernen ein Leben lang, deshalb sollten wir nicht mit dem Ende der Schulzeit aufhören, uns neuen literarischen Herausforderungen zu stellen. Ist es nicht viel erfüllender, zu einem Buch zu greifen statt zum Handy und dem Lesen dadurch den Wert zu geben, den es in unserer Welt verdient?

6 – Bildung der Gesellschaft

Wenn wir über gelesene Inhalte diskutieren, gemeinsam Probleme erörtern und Lösungen entwickeln, erleben wir soziale Eingebundenheit, Selbstwirksamkeit und erweitern unsere Perspektiven auf die Welt. Ich halte es für sehr wichtig, diese Form des gemeinsamen Lernens durch Dialog (Ko-Konstruktion) in allen Altersgruppen unserer Gesellschaft zu stärken, um mit den schnellen Veränderungen unserer Welt Schritt halten zu können. Der Buchclub ist deshalb auch ein wertvoller Beitrag zu mehr Verständnis und stärkt Kompetenzen, die wir für eine nachhaltige und friedliche Gesellschaft brauchen.

3. Und nun bist du dran!

Vielleicht hast du nun erwartet, ich würde dir mehr über das Buch „Das könnte Schule machen“ erzählen, von unserem interessanten Austausch und den Ideen, die wir im Buchclub entwickelt haben, damit auch du diese Ideen in deiner Schule anstoßen kannst?

Ich hoffe, dich nicht zu sehr zu enttäuschen, aber das werde ich an dieser Stelle nicht tun. Denn dann würden dir ja die wertvollen Erfahrungen des Buchclubs fehlen.

Stattdessen möchte ich dir Mut machen, einen eigenen Buchclub zu gründen: Kein Buchclub muss perfekt sein. Und wenn dir Hürden begegnen, sprich sie offen an und versucht gemeinsam, in der Gruppe eine Lösung zu finden.

Frag am besten gleich deine Kolleg:innen, schreib deinen Freund:innen oder mach es wie ich und nutze deine Insta-Story für einen Aufruf an deine Follower.

4. Ideen aus der Welt der Buchclubs

Wenn du das Buch „Das könnte Schule machen“ bereits gelesen hast, habe ich hier ein paar weitere Ideen, die ich aktuell im Kontext Schule spannend finde:

  • Alexander Brand: Die Bildungsweltmeister – Eine Reise zu den besten Schulen der Welt und was wir von ihnen lernen können.
  • Benedikt Wisniewski, Barbara Gottschling: Weniger macht Schule – Wie De-Implementierung schulische Freiräume schafft.
  • Eigentlich alle Bücher von Aladin El-Mafaalani: Misstrauensgemeinschaften, Kinder – Minderheiten ohne Schutz, Das Integrationsparadox, Mythos Bildung.

Dem geeigneten Literaturgenre sind grundsätzlich keine Grenzen gesetzt. Von New Adult bis zur Literaturnobelpreisträgerin Han Kang, ob Roman, Bilderbuch, Sachbuch, Manga oder Zeichenbuch – Oh! Damit könnte man den Buchclub direkt mit kreativen Übungszeiten verbinden! – Hauptsache es begeistert dich.

Schon gewusst? Der Rapper RM von BTS ist bekannt dafür, regelmäßig seine Gedanken über gelesene Bücher zu teilen. Die Fans greifen RMs Impulse auf – in der ganzen Welt gibt es Online-Buchclubs, die seine Empfehlungen lesen und gemeinsam diskutieren.

Auch interessant: Beim sogenannten „Silent Book Club“ treffen sich Menschen in Cafés, Bibliotheken oder online, um gemeinsam, aber still zu lesen. Wer mag, kann sich im Anschluss über das Gelesene austauschen, ganz ohne Druck oder Vorbereitungsstress. Auch der Silent Book Club stößt mittlerweile auf internationale Beliebtheit – vielleicht gibt es ihn auch in deiner Stadt?

Also schau dich um oder gib dir einen kleinen Ruck und gründe ganz einfach deinen eigenen Buchclub!

Solange wir Bücher haben, sind dem gemeinsamen Lernen keine Grenzen gesetzt.

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